Dem Mörder verzeihen?


Dem Mörder verzeihen?

 

Blick ins Innere der Strafanstalt Thorberg im Kanton Bern.
                    Blick ins Innere der Strafanstalt Thorberg im Kanton Bern.                                             (Bild: Adrian Baer / NZZ)
        Zwei Dutzend Besucher aus der ganzen Schweiz haben einen halben Tag lang mit zwei Dutzend Insassen der Strafanstalt Thorberg diskutiert. Die Gespräche am runden Tisch und im Gefängnishof haben bei allen einen starken Eindruck hinterlassen.

Brigitte Hürlimann

Es ist ein rabenschwarzer Tag für den Schweizer Justizvollzug, und ausgerechnet heute, an diesem milden Donnerstagnachmittag im Spätfrühling, soll in der Berner Strafanstalt Thorberg über Schuld und Versöhnung diskutiert werden, offen und selbstkritisch – und vor allem: Aug in Aug mit Insassen, die sich schwerster Delikte schuldig gemacht haben, langjährige Gefängnisstrafen absitzen oder sich in einer Massnahme mit offenem Ende befinden.

Die Vorzeichen für das aussergewöhnliche Zusammentreffen könnten nicht schlechter sein. Tags zuvor hat im Waadtland ein einschlägig vorbestrafter Gewaltstraftäter während des Hausarrests und trotz Fussfesseln eine Neunzehnjährige entführt und getötet. Der Schock ist gross, die Medien berichten ausführlich darüber, fragen nach Fehlern, Lehren und Schuldigen. Mit diesem Wissen im Kopf und einem mulmigen Gefühl im Bauch warten zwei Dutzend Besucher aus der ganzen Schweiz vor dem Gefängnistor auf Einlass. Es sind Philosophen, Seelsorger, Autoren, Musiker, Professoren und andere Frauen und Männer, die sich für den Strafvollzug interessieren und die von der Zürcher Paulus-Akademie eingeladen wurden, sich dem Dialog mit Menschen zu stellen, von denen die Gesellschaft am liebsten nichts mehr wissen will.

Rundendrehen im Hof

Das erste Aufeinanderprallen zwischen denen von drinnen und denen von draussen findet in der Gefängniskapelle statt, man bleibt noch auf Distanz und beäugt sich verstohlen. Die Insassen tragen ihre Gefängnis-Einheitskluft, braune Hosen und dunkelblaue Pullover oder Shirts. Es folgen Ansprachen und kurze Referate; Claudius Hermann, Solocellist im Orchester der Zürcher Oper, spielt Johann Sebastian Bach, und dann begeben sich alle zum gemeinsamen Rundendrehen in den Spazierhof. Hier sollen die Externen ein bisschen Gefängnisalltag erleben und die Internen erste Gespräche führen können, ohne dass ein Aufseher direkt danebensteht und zuhört.

Der zwanzigminütige Ausflug in den Hof ist ein Experiment, wie überhaupt die ganze Veranstaltung, und beides ist von der Theologin, Dozentin und Freiburger FDP-Parlamentarierin Béatrice Acklin Zimmermann initiiert und umgesetzt worden. Acklin Zimmermann gehört der Studienleitung der katholischen Paulus-Akademie an, und sie betont, wie sie mit ihren ungewöhnlichen Ideen sowohl bei den Berner Justizvollzugsbehörden als auch bei der Gefängnisdirektion sofort auf offene Ohren gestossen sei. Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Noch Wochen nach dem Ereignis äussern sich sämtliche Beteiligten begeistert und beeindruckt vom Anlass und bedauern, dass die Gespräche nicht viel länger gedauert haben.

Doch zurück in den Spazierhof, wo das Eis überraschend schnell schmilzt. Die Externen gehen auf die Internen zu und umgekehrt, und nach wenigen Minuten sieht man sie zu zweit oder in kleinen Gruppen ihre Runden drehen, immer schön den Mauern entlang. Aussicht gibt es hier nicht, nur Wandmalereien, die idyllische Landschaften oder weit geöffnete Fenster zeigen. Man stellt sich gegenseitig vor, und die Insassen erzählen: Wie lange sie schon auf dem Thorberg sind und warum, ob sie Kontakt zu ihren Familien haben, was man hier arbeitet, wie die Freizeit verbringt, wie das Verhältnis zu den anderen Gefangenen ist, was man von den Mahlzeiten hält oder was man sich für die Zeit nach der Inhaftierung erhofft.

Die zwanzig Minuten vergehen rasch, und die unterbrochenen Gespräche werden anschliessend in vier Gruppen und in separaten Räumen weitergeführt; in deutscher und in französischer Sprache. Die Männer in den blauen Pullovern und Shirts sitzen den externen Frauen und Männern gegenüber. «Ich verhehle es nicht, ich habe mich des Mords schuldig gemacht», eröffnet ein junger Schweizer den Vorstellungsreigen, der Zweite spricht von einem Tötungsdelikt, der Dritte von Drogendeals, der Vierte von sexuellen Handlungen mit Kindern. Die Besucher hören gebannt zu, und eine ganze Palette von Gefühlen zeichnet sich auf ihren Gesichtern ab: Entsetzen über die Delikte, Erstaunen über die Offenheit – und Verwirrung darüber, dass es sich bei manchen dieser Kriminellen um sympathische Menschen handelt, mit denen man gern an einem Tisch sitzt und sich unterhält. «Auch Straftäter», sagt Béatrice Acklin Zimmermann, «sind Menschen und keine Monster, sie sind Teil unserer Gesellschaft. Es geht nicht darum, ihre Delikte zu bagatellisieren, sondern darum, zu erkennen, dass Kriminelle mehr sind als ihre Untaten.»

Die Insassen berichten von der Last ihrer Schuld. Dass sie Sühne zu leisten haben und auch Sühne leisten wollen, das bestreitet kaum einer; wobei auffällt, dass jene Gefangenen, die zu einer endlichen Strafe verurteilt wurden, das Verdikt besser akzeptieren als jene, die sich in einer Massnahme mit ungewisser Dauer befinden. Von den Besuchern möchten sie erfahren, ob es für sie nach der Entlassung eine Chance – ein Verzeihen – gibt. Die Ängste dieser Männer in den blauen Pullovern sind gross: Werden sie eine Wohnung finden, eine Arbeit? Werden die Familien und Freunde noch für sie da sein, und wie reagieren die Leute, wenn sie von den Vorstrafen und vom langen Gefängnisaufenthalt hören? Die auswärtigen Gäste massen sich nicht an, auf solche Fragen mit allzu viel Hoffnung und Zuversicht zu reagieren.

Kein Zuckerschlecken

Die Begegnung in Thorberg endet am frühen Abend wieder mit Cellomusik, Fruchtsaft und Canapés aus der Gefängnisküche. Da die ganze Veranstaltung reibungslos verlaufen ist und weil die Insassen engagiert und offen mitdiskutiert haben, werden sie ausserplanmässig eingeladen, am Abschluss-Snack in der Kapelle teilzunehmen. Gefängnisdirektor Georges A. Caccivio erntet für diesen spontanen Entscheid grossen Applaus – von allen. Er hatte die Insassen auf die Veranstaltung vorbereitet und ihnen dabei klargemacht, dass sie kein Zuckerschlecken erwarte, dass ihnen auch der Spiegel vorgehalten werde und sie nicht nur mit Verständnis rechnen dürften. Er habe bei diesem Experiment mitgemacht, sagt der Gefängnisdirektor, weil er zeigen wolle, was Straf- und Massnahmevollzug bedeute: «Wir führen hier weder ein Hotel noch ein Pfadilager, doch wir haben es mit Menschen zu tun, und zwar unabhängig davon, was sie verbrochen haben.»

Ein 31-jähriger Kosovare, der unter anderem wegen Vergewaltigung eine langjährige Freiheitsstrafe verbüsst, zeigt sich erstaunt und dankbar darüber, dass sich Leute von draussen überhaupt für sie interessieren und sich Zeit nehmen für die von drinnen. «Das sollte man viel öfter machen», sagt er. Er habe in seinen Gefängnisjahren Hunderte von Männern kennengelernt, und von keinem einzigen würde er sagen, er sei ein Monster. Davon möchte er denen von draussen berichten. Oder von den endlos langen zwölf Tagen im Bunker, in der Isolationshaft, allein mit einem Gebetbuch, einem Radio und mit zunehmend düsteren Gedanken. Aber auch von den beiden Söhnen würde er erzählen, die ihn regelmässig besuchten, von seinen Zukunftsplänen in Kosovo – und von so vielem mehr …

http://www.nzz.ch/wissen/bildung/dem-moerder-verzeihen-1.18116663

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